Ein Essay über den Konflikt zwischen digitalem Hype und bewährter Bildung und weshalb das Neue nicht automatisch das Bessere ist.
Die Welt verändert sich rasend. Unser Bildungssystem aber sei laut manchen veraltet und müsse sich ändern. Technische Neuerungen werden träge übernommen und meist liegt es an den jeweiligen Lehrpersonen, wie mit neuen technischen Entwicklungen im Unterricht umgegangen wird. Heute, wo KI mehr und mehr ins Zentrum unserer Gesellschaft rückt, wäre es doch sinnvoll, die Schule daran anzupassen. Auch deshalb fragen sich viele Eltern, ob die Schule heute Kinder wirklich genügend auf diese neue hochtechnologische Arbeitswelt vorbereite (Z. 6-7). Doch nicht alle sehen das so. Der Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach verweist auf Hannah Arendt, welche schon schrieb, dass Bildung ein konservatives Geschäft sei, wobei das Bewährte weitergegeben werden solle (Z. 8-9). Ich als Gymnasiast frage mich nun: In welchem Ausmass sollen in Schweizer Schulen die allerneuesten digitalen Innovationen wie z. B. KI berücksichtigt und eingebaut werden, sodass die Bildung von heute die Lernenden auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereitet?
In dem Jahr, als ich geboren wurde, wurde das erste iPhone veröffentlicht. Seitdem hat sich viel in unserer Welt verändert. Nicht selten höre ich deshalb die Behauptung, dass das Schweizer Bildungssystem erneuert werden müsse. Aber sind solche Forderungen wirklich gerechtfertigt? Was heute als Revolution gilt, ist morgen vergessen. Das Ziel von Bildung ist es doch, Lernenden Kompetenzen beizubringen, nicht aber den neusten Trends hinterherzurennen. Das Erlernte soll ihnen nämlich auch noch in Zukunft einen hohen Mehrwert bieten. Schreiben, Lesen und Rechnen, das sind doch fundamentale Grundkompetenzen. Und nun sollen sie plötzlich nicht mehr relevant sein, weil eine KI das übernehmen könne? Ein Trugschluss. KI ist zwar mittlerweile in der Lage, komplexere Aufgaben auszuführen, sie muss jedoch korrekt eingesetzt werden können. Dazu braucht es aber die nötigen Fähigkeiten. Um beispielsweise sicherzustellen, dass eine KI das tut, was man will, ist es wichtig, sich präzise in Worten ausdrücken zu können. Zudem sollte die Arbeit von KIs stets kontrolliert werden können. Lassen wir KIs einfach so machen und verlernen diese Fähigkeiten, werden wir abhängig. Zudem wird unsere Denkkapazität nicht genügend trainiert und kann sich nicht richtig entwickeln. Roland Reichenbach argumentiert, dass gerade weil diese Fähigkeiten so fundamental wichtig sind, es Zeit und Übung brauche, um sie sich anzueignen. Denn erst wenn man diese Fähigkeiten beherrscht, kann man weitere darauf aufbauende Kompetenzen erlernen. Will man beispielsweise ein Programm entwickeln, muss man Dokumentationen von Python-Bibliotheken lesen und verstehen können. Zudem muss man in der Lage sein, die Anforderungen daran in umsetzbaren Code herunterzubrechen. Wer seinen eigenen Programmcode später verstehen will, sollte den Code dann noch präzise und verständlich kommentieren. Grundkompetenzen sind jedoch nicht nur dazu gut. Auch für Berufe, die es heute noch gar nicht gibt, sind diese Fähigkeiten relevant. Der heutige Arbeitsmarkt verändert sich laufend, was sich zukünftig nicht ändern wird. Das bedeutet, dass es Berufe von heute bald nicht mehr geben wird. In Anbetracht dessen ist es sinnvoll, den Fokus von Bildung auf Grundkompetenzen zu legen.
Häufig sehen das aber Leute anders und denken, dass das Neue immer besser sei als das Alte (Z. 19-20). Ich kann die Sorgen dahinter nachvollziehen. Auch ich habe Angst, dass es schwierig sein wird, nach dem Studium einen Informatik-Job zu finden, da viele Aufgaben durch KI übernommen werden. Schon heute sagen Leute, es sei schwierig, in der Informatik eine Stelle zu finden. Wie soll das denn nur werden, wenn ich erst mal nach Uniabschluss einen Job suche? Ich erkenne also durchaus, dass Bildung zukunftsbestimmend ist und manche Eltern den langfristigen Nutzen heutiger Bildung infrage stellen. Das Argument, neu sei immer besser, bezogen auf die Bildung, hält jedoch kritischer Betrachtung nicht stand. Innovationen wird es nämlich auch noch in der Zukunft geben. Werden den Lernenden jedoch keine Grundkompetenzen beigebracht, werden sie nicht in der Lage sein, mit Neuheiten umzugehen.
Diese Forderungen nach Neuerungen sind vor allem Neomanie, also dem zwanghaften Verlangen nach Neuem, geschuldet und oft unbegründet. In der Realität passen sich Schulen nämlich durchaus an Neuheiten an, jedoch in ihrem eigenen Tempo. Eine komplette Revolution der Bildung zu fordern, ist also abwegig. Ein Beispiel: Mittlerweile benutzen alle Lernenden im Gymnasium ihre eigenen Laptops. Das ist sinnvoll und hat mehrere Vorteile, wie etwa die Reduzierung von Blättern und die erleichterte Verwaltung des Lernmaterials. Doch der Einsatz digitaler Geräte hat auch seine Nachteile, welche in der Diskussion über Bildung nicht vergessen werden dürfen. Wie Reichenbach erzählt, würden uns digitale Medien ablenken und wir verschwendeten unsere Zeit mit ihnen (Z. 28). In meiner Erfahrung eine Aussage, welche definitiv zutrifft. Schon oft ist es vorgekommen, dass ich mich während des Lernens zuhause habe ablenken lassen. Sei es YouTube, Instagram oder TikTok, oft ist das Verlangen einfach zu gross. So habe ich entdeckt, dass ich besser lernen kann, wenn ich das Handy währenddessen unter die Bettdecke lege. Schon dies macht einen grossen Unterschied und hat geholfen. Wer also jeder Neuheit nachrennt und behauptet, diese oder jene Technologie sei die Zukunft und müsse sofort in Bildung implementiert werden, der irrt. Ganz im Gegenteil: Um die Qualität von Bildung zu gewährleisten, sollten stets Vor- und Nachteile gut miteinander abgewogen werden.

Bildung sollte sich darauf fokussieren, Kompetenzen zu vermitteln, die noch in 30 Jahren von Nutzen sein werden. Dazu sind die Grundkompetenzen nötig, die es uns erlauben, fortgeschrittenere Fähigkeiten zu erlernen. Aus diesem Grund braucht es keine Revolution unseres Bildungssystems. Stagnation jedoch bringt uns auch nicht weiter. Vielleicht liegt der richtige Weg also irgendwo dazwischen – in einer gemässigten Evolution. Um auf meine anfänglich gestellte Frage zurückzukommen: Unsere aktuelle Strategie scheint ausgewogen. Bezogen auf KI ist der im Unterricht stattfindende Diskurs über den Umgang und Einsatz wichtig. So werden sich Lernende der Konsequenzen bewusst und lernen, wie ein verantwortlicher Umgang aussieht. Ob, wann und wie man eine neue Technologie implementieren soll, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten. Es ist aber wohl eine Frage, die für jeden Fall einzeln gestellt und beantwortet werden muss, um die Balance zwischen bewährten Grundkompetenzen und technologischem Wandel zu wahren.