Soziale Medien dominieren unseren Alltag, oft mit verborgenen Folgen. Meads klassisches Identitätsmodell stösst hier an seine Grenzen. Erweitert man es jedoch um ein ‘Digital-Me’, zeigen sich Parallelen zu Carl Josephs Krise im «Radetzkymarsch», die unseren modernen Identitätsverlust erklären.
Im Deutschunterricht haben wir Joseph Roths Roman «Radetzkymarsch» besprochen und im Kontext der literarischen Tradition und Moderne analysiert. Zudem haben wir Aspekte wie Schein vs. Sein beleuchtet und das Me-I-Self-Modell von Herbert Mead herangezogen und auf Roths Geschichte angewendet.
Meads Modell basiert auf der Annahme, der Mensch sei ein soziales Wesen und entwickle seine Identität erst durch soziale Interaktionen. Dabei unterscheidet er zwischen Individuum und Gesellschaft, welche durch Wechselwirkungen verbunden sind. Mead bezeichnet die Identität eines Menschen als ‘Self’, welches aus dem Wechselspiel von ‘Me’ und ‘I’ konstruiert ist. Dabei verkörpert das ‘I’ die inneren Triebe, den Charakter und die individuelle Welttheorie, während das ‘Me’ mehr die äusseren, von der Gesellschaft auf das Individuum projizierten, verinnerlichten Erwartungen, Normen und Werte verkörpert. Die Wechselwirkungen zwischen dem ‘Me’ und dem ‘I’ finden fortlaufend statt, sodass das ‘Self’ ständiger Reorganisation unterworfen ist.
Carl Joseph Trotta, der Protagonist von «Radetzkymarsch», hat einen inneren Konflikt. Dieser Konflikt manifestiert sich dadurch, dass sein ‘Me’ und ‘I’ zunehmend weniger in Einklang miteinander sind. Das führt zu seiner Identitätskrise. Zu Beginn bezeichnet sich Trotta noch stolz als Enkel des Helden von Solferino und ist bereit, in die Fussstapfen seines Grossvaters zu treten. Er trägt seine Uniform im Glauben, das sei seine Bestimmung. Im Verlauf der Geschichte kristallisiert sich jedoch heraus, dass sein 'I' eigentlich ganz andere Bedürfnisse hat – Bedürfnisse, die mit den von der Gesellschaft, gerade auch von seinem Vater, auf ihn projizierten Vorstellungen nicht vereinbar sind. Sein Identitätsverlust ist an mehreren Stellen ersichtlich. Carl Joseph lässt sich beispielsweise mehrmals von seinen Trieben leiten und verfällt verschiedenen Frauen. Dabei zeigt sich sein inneres Kind und er legt seine Uniform ab. Ausserdem redet er sich ein, seine Aufgabe könne er erst im Krieg erfüllen, bis sich bei einem Aufstand, den er auflösen sollte, zeigt, dass er dem nicht standhalten kann. Es wird mehr und mehr klar, dass er in der Armee fehl am Platz ist. Carl Joseph ist jedoch nicht in der Lage, sich aus diesem Netz zu lösen. Sein Vater erahnt die inneren Probleme seines Sohnes zwar, ignoriert sie jedoch und interessiert sich nur für die Wahrung der Ehre. Trotta zwingt sich, den inneren Widerspruch zwischen dem, was er will und dem Zwang der Rolle, die die Gesellschaft auf ihn projiziert, zu verdrängen. Diese Identitätskrise führt schliesslich zu seinem Zerfall, welcher den Niedergang der Monarchie widerspiegelt.

Trottas Identitätsverlust lässt sich heute in moderner Form bei vielen jungen Menschen beobachten. Gerade diese Personengruppe ist nämlich heute auf sozialen Medien sehr aktiv. Dies ist problematisch. Wie eine Studie nämlich zeigt, führt die Nutzung sozialer Medien zu einer veränderten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Eine in dieser Studie befragte Person beschreibt dies treffend: «(…) also ich und mein Instagram-Profil sind zwei verschiedene Menschen, also das sind, klar ist es irgendwie ich, aber es bin nicht ich. Es ist nur ein Hundertstel von dem, was ich bin.» (S. 105) Eine andere Person berichtet: «Und (…) man kanns eh fast so sagen: (…) ich hab nicht versucht, ich selbst zu sein im echten Leben, sondern ich habe versucht, so zu sein wie ich auf Instagram bin.» (S. 106). Meads klassisches Modell stösst hier an seine Grenzen. Die inszenierten Ideale, nach denen gestrebt wird, stehen in Konflikt mit dem ‘I’, obwohl wir hier – anders als bei Trotta – selbst darüber entscheiden, wer wir sein wollen und nicht die Gesellschaft. Aus diesem Grund habe ich das Modell Meads weiterentwickelt und durch das Hinzufügen eines ‘Digital-Me’ auf die heutige Welt angepasst.
Meine Weiterentwicklung besteht aus dem ‘Me’, dem ‘I’ und dem ‘Digital-Me’, welche sich wie bei Mead alle durch Wechselwirkungen gegenseitig beeinflussen. Das ‘Digital-Me’ umfasst das auf sozialen Medien präsentierte Selbstbild sowie die daraus resultierenden Erwartungen an sich selbst. Ein Account auf sozialen Medien an sich ist unbedenklich. Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Diskrepanz zwischen Online-Inszenierung und der Wirklichkeit zu gross wird und man auf sozialen Medien ein realitätsfernes Bild von sich präsentiert. Da man auf sozialen Medien die volle Kontrolle darüber hat, was man von sich preisgibt, wird Negatives oft ausgeblendet. Diese rein positive Darstellung suggeriert ein falsches Bild. Es impliziert, das eigene Leben sei perfekt. Das Gezeigte ist also eine bewusste Konstruktion und Selbstinszenierung einer nicht existierenden Idealversion seiner selbst. Ein Profil auf sozialen Medien ist für alle sichtbar, auch für Freunde und Personen im näheren Umfeld. Das bedeutet, dass diese Inszenierung auch die Denkweise anderer Personen über einen beeinflusst und somit auch die von der Gesellschaft auf das Individuum projizierten Erwartungen. Das ‘Digital-Me’ beeinflusst somit das ‘Me’. Die Reaktionen des Umfelds bestätigen das Individuum in seiner Rolle und führen dazu, dass dieses falsche Bild bestärkt wird. Diese falsche Darstellung muss deshalb auf sozialen Medien aufrechterhalten und gefüttert werden. Dies wiederum bestärkt das ‘Digital-Me’. Aber auch das ‘I’ wird vom ‘Digital-Me’ beeinflusst, weil seine Bedürfnisse vermehrt unterdrückt werden. Das passiert, weil die Ansprüche des ‘Digital-Me’ – also das makellose Bild – unvereinbar mit den echten Bedürfnissen des ‘I’ sind. Das ‘I’ will nämlich beispielsweise auch mal traurig sein dürfen und die perfekte Maske abnehmen können. Das steht jedoch in Konflikt mit dem ‘Digital-Me’, welches niemals Gefühle wie Trauer zulassen würde. Um den Bedürfnissen des ‘I’ nicht Raum zu geben, wird dann nur noch stärker an den falschen, online gezeigten Idealen festgehalten. Sie werden also noch mehr bestärkt. Haben sich die Ideale des ‘Digital-Me’ einmal etabliert, wird das ‘I’ unterdrückt und das ‘Me’ passt sich nach und nach dem online präsentierten, realitätsfernen Bild an. Ist das einmal geschehen, ist es schwer, sich dem zu entziehen. Das ‘Me’ und das ‘I’ sind dann nicht mehr in Einklang und man leidet an Identitätsverlust, ähnlich wie Carl Joseph in «Radetzkymarsch».